Vom Prototyp zur Wirkung: Warum das Tal des Todes der Defence-Innovation eine Führungsaufgabe ist

By Dennis Tanke Jens Weichel

Maritime Sicherheit braucht mehr als gute Technologie

Viele Technologien, die maritime Sicherheit und Resilienz stärken könnten, scheitern nicht an ihrer Funktion. Sie scheitern zwischen Prototyp, Finanzierung und erster Beschaffung.

  • Ohne Bestellung kein Kapital.
  • Ohne Kapital keine Serienreife.
  • Ohne Serienreife keine Bestellung.

Dieses Dilemma wird häufig als das „Tal des Todes“ der Innovation bezeichnet. Gemeint ist die kritische Phase zwischen einer ersten funktionsfähigen Lösung und einem Produkt, das zuverlässig getestet, produziert, beschafft und eingesetzt werden kann.

Gerade im maritimen Umfeld ist diese Lücke relevant. Sensoren zur Überwachung von Häfen und Seewegen, autonome Systeme, Drohnen, Kommunikationslösungen und Technologien zum Schutz kritischer Infrastruktur können einen wesentlichen Beitrag zu Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit leisten. Doch eine gute Technologie allein schafft noch keine einsatzfähige Fähigkeit.

Diese Herausforderung stand im Mittelpunkt eines Mercuri Urval (MU)-Panel-Events auf der SMM in Hamburg. Unter der Moderation von Jens Weichel diskutierten Karsten Knecht, Kapitän zur See und Leiter Marineinnovationsmanagement, Marcia Mimura vom TechHub SVI Nord, Thomas Köhler, COO der IABG, und Eugene Ciemnyjewski, CEO von EUROATLAS, mit Gastgeber Dennis Tanke, Global Practice Lead Defence und Partner bei MU.

/globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-2.jpg /globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-5.jpg /globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-10.jpg /globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-11.jpg /globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-15.jpg /globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-18.jpg /globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-20.jpg /globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-27.jpg /globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-53.jpg /globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-57.jpg /globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-65.jpg /globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-77.jpg /globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-98.jpg /globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-145.jpg/globalassets/Pictures/newsroom/mu_02092026-147.jpg

Die zentrale Erkenntnis: Deutschland fehlt es nicht primär an Ideen. Es fehlt zu oft an einem klaren und finanzierbaren Weg von der Idee zur Anwendung.

Wir bewegen uns in einem Gesamtsystem, das aufeinander orchestriert werden muss.
- Dennis Tanke, Global Practice Lead Defence und Partner bei MU

Der Engpass liegt zwischen Prototyp und Einsatz

Ein Prototyp zeigt, dass eine Technologie grundsätzlich funktionieren kann. Für einen breiten Einsatz müssen jedoch weitere Fragen beantwortet werden: Kann die Lösung unter realistischen Bedingungen bestehen? Erfüllt sie Sicherheits- und Integrationsanforderungen? Sind Komponenten verfügbar? Lässt sich Produktion aufbauen?

Diese Phase erfordert Kapital. Start-ups und spezialisierte Mittelständler müssen Entwicklung, Tests, Lieferketten und Industrialisierung finanzieren, häufig bevor eine verbindliche Bestellung vorliegt.

Investoren fragen deshalb zu Recht nach einem klaren Bedarf und einer glaubwürdigen Nachfrageperspektive. Öffentliche Auftraggeber können oft erst verbindlich bestellen, wenn eine Lösung bereits ausreichend ausgereift und lieferfähig ist.

Das bringt alles nichts, auch mit dem Schaufenster nicht, wenn sich nicht einer committet und sagt: Ich bestelle jetzt mal ein paar Stück davon. - Thomas Köhler, COO, IABG

Es geht nicht darum, jede neue Technologie frühzeitig zu beschaffen. Es geht darum, vielversprechenden Lösungen einen nachvollziehbaren Pfad zu geben: von der operativen Erprobung über eine erste Beschaffung bis zu einer möglichen Skalierung.

Testen, entscheiden, skalieren

Die Marine arbeitet an neuen Wegen, relevante Technologien früher zu erkennen und unter realistischen Bedingungen zu testen. Technologieoffene Challenges, operative Erprobungen und kleinere Erstbeschaffungen können dazu beitragen, schneller zu lernen und Risiken besser zu bewerten.

Innovation ist, wenn es in der Truppe ankommt - Karsten Knecht, Kapitän zur See und Leiter Marineinnovationsmanagement

Entscheidend ist jedoch, dass auf eine Erprobung eine Entscheidung folgt: weiterentwickeln, beschaffen oder beenden. Nur dann werden Testformate zu einem wirksamen Instrument für Innovation und Beschaffung.

Auch Vermittlungsstrukturen wie der TechHub SVI Nord sind wichtig. Viele relevante Technologien entstehen außerhalb klassischer Defence-Strukturen – in Forschung, Medizin, Logistik, Energiewirtschaft oder ziviler Schifffahrt. Die Aufgabe besteht darin, konkrete Bedarfe mit passenden technologischen Lösungen zu verbinden.

Wir müssen jetzt ganz stark versuchen, Vernetzung herzustellen, um am Ende des Tages die besten Produkte in die Marine zu bringen. - Marcia Mimura, TechHub SVI Nord

Start-ups und etablierte Industrie müssen zusammenwirken

Neue Technologie entsteht häufig in Start-ups, im Mittelstand oder in Forschungsprojekten. Die Überführung in eine robuste, integrierte und langfristig verfügbare Fähigkeit benötigt jedoch häufig auch die Erfahrung etablierter Industriepartner – etwa in Systemintegration, Produktion, Lieferketten, Qualität und Service.

Diese Stärken sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Wir müssen dringend darauf achten, dass nicht zu sehr eine Konkurrenzsituation zwischen Start-ups und etablierter Industrie entsteht. Im Gegenteil: Wir sollten versuchen, von beiden Seiten das Beste einzubringen. - Eugene Ciemnyjewski, CEO, EUROATLAS

Dafür braucht es klare und faire Kooperationsmodelle. Rollen, geistiges Eigentum, Datenzugang, Testverantwortung und wirtschaftliche Perspektiven einer späteren Skalierung müssen früh geklärt werden.

Ein Innovationsfonds kann helfen – Führung entscheidet über die Wirkung

Ein Innovationsfonds für Defence und Dual Use könnte die kritische Phase zwischen Prototyp und erster Beschaffung mitfinanzieren. Gerade bei hardwareintensiven Lösungen sind Kapitalbedarf und Entwicklungszeit hoch, während private Investoren wegen unsicherer Beschaffungsperspektiven zurückhaltend bleiben können.

Ein Fonds wäre jedoch kein Ersatz für klare Bedarfe, schnellere Erprobungen oder verlässlichere Beschaffungssignale. Er wäre nur dann wirksam, wenn er mit diesen Elementen verbunden wird.

Damit wird deutlich: Das Tal des Todes ist nicht nur eine Finanzierungs- oder Beschaffungsfrage. Es ist eine Führungsaufgabe.

Führung muss unterschiedliche Interessen und Entscheidungslogiken auf eine gemeinsame Wirkung ausrichten. Sie muss Prioritäten setzen, Verantwortlichkeiten klären, Raum für kontrollierte Erprobung schaffen und aus Dialogen verbindliche nächste Schritte machen.

Wenn wir es schaffen, in den einzelnen Organisationen Menschen an den Tisch zu bekommen, die das hinkriegen, die miteinander sprechen – auch wenn sie gegensätzlich sind –, dann haben wir viel gewonnen. - Dennis Tanke, Global Practice Lead Defence und Partner bei MU

Maritime Verteidigungsfähigkeit entsteht nicht durch Technologie im Alleingang. Sie entsteht, wenn Marine, Industrie, Start-ups, Wissenschaft, Investoren und öffentliche Akteure Verantwortung für den Übergang von der Idee zur Anwendung übernehmen.

Denn Innovation zählt nicht, wenn sie präsentiert wird. Sie zählt, wenn sie dort ankommt, wo sie gebraucht wird.